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Soziokulturelle Aspekte im Leben gehörloser Menschen
 
Die traurigerweise verkannte und unterdrückte Kultur der Gehörlosen und ihre soziale Situation
 
Christian Stalzer
 
Christian Stalzer war Vizepräsident des österreichischen Gehörlosenbundes. Er ist Student der Linguistik an der Universität in Graz sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter am dortigen Institut für Dolmetscher- und Übersetzerausbildung.
 
    1. Gehörlose Menschen in Österreich
    2. Gehörlosengemeinschaft - Kultur und Tradition
    3. Was also ist die Gehörlosengemeinschaft?
    4. Das kulturelle Leben Gehörloser
 
 
1. Gehörlose Menschen in Österreich
In Österreich leben ca. 8000 - 9000 Menschen, die gehörlos sind. Die Zahl der Personen mit beeinträchtigtem Hörvermögen liegt in Österreich bei ca. 450.000.
Die Geschlechtsverteilung sieht so aus: 43 % Männer und 57 % Frauen Jeder tausendste Mensch wird taub geboren oder ertaubt. Die Art und Weise wie hörende Menschen ihre gehörlosen Mitmenschen sehen, ist ein Produkt der Geschichte, mit der Meinung, Gehörlose seien ein sprachloses Produkt. Der Gehörlose ist zwar taub, aber nicht stumm. Gehörlose haben eine eigene Muttersprache- die Gebärdensprache. Linguisten fanden heraus, daß die Gebärdensprache ein vollwertiges Sprachsystem ist. Diese Erkenntnis wird jedoch von der hörenden Welt - mit Ausnahme der Skandinavier - nicht anerkannt. Bezüglich der Anerkennung der GS sind die Skandinavier uns um Jahre voraus. Die Ablehnung zur Anerkennung der GS als vollwertige Sprache führt zur Tatsache, daß die soziale Situation der Gehörlosen sich von Jahr zu Jahr verschlechtert.
Ausgangspunkt der Probleme der Gehörlosen ist der im Jahre 1881 stattgefundene Mailänder Kongreß, bei dem hörende Pädagogen beschlossen, daß in den Gehörlosenschulen nur noch in der Lautsprache unterrichtet werden darf. Man war der Meinung, die Gebärdensprache würde die kognitive und lautsprachliche Entwicklung eines Kleinkindes behindern. Dieser Beschluß führte dazu, daß das Bildungsniveau der gehörlosen Menschen äußerst eingeschränkt war, da die gehörlosen Kinder im Lautspracheunterricht oft nur 20% des Unterrichtsstoffes verstanden Daraus folgt, daß der Gehörlose im Alltag und vor allem im Berufsleben Schwierigkeiten bekam. Liisa Kaupinen, Präsidentin des WFD (World Federation of the Deaf) meinte dazu: Die soziale Lage der Gehörlosen ist vergleichbar mit jener der Bevölkerung der Entwicklungsländer.
 
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2. Gehörlosengemeinschaft - Kultur und Tradition
Obwohl wir die Annahme, die Welt könnte sich in ein paar Generationen verändern, heute nur belächeln können, bleibt eine Unsicherheit über die Existenz gehörloser Gruppen und vor allem über ihren Zusammenschluß aus sozialen und emotionalen Gründen.
Der vielleicht stärkste Faktor in der Entwicklung jedes Individuums ist das Bedürfnis, sich mit Anderen gleicher Art und mit ähnlichen Erfahrungen zu identifizieren. In einer Welt, die Andersartigkeit nicht toleriert und in der die Unterdrückung einer Gruppe oder einer Nation durch Andere die Norm ist, befindet sich eine Gruppe von angeblich "behinderten" und daher weniger nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft in einer außerordentlich schwierigen Situation. Zwei Behauptungen wurden aufgestellt: 1) Gehörlose seien eine Gruppe Behinderter, oder 2) Gehörlose seien eine nicht anerkannte Minderheit.
In jedem Fall sind sie "Verlierer" in unserer Gesellschaft.
Wenn die Gesellschaft Vorstellungen von Behinderung entwirft, geht sie davon aus, daß alle Leute gleich sein wollten, wenn sie könnten (daß Gehörlose auch gerne hörend wären, wenn sie könnten) und daß es die Verpflichtung hörender Mitmenschen ist, ihrer Lage abzuhelfen oder für sie zu sorgen, wenn die Behinderung sich als hartnäckig erweist. Ärzte sollen versuchen vorzubeugen und bei Ausbruch der Krankheit zu helfen; Lehrer sollen versuchen, den Kindern "normale" Modelle anzubieten, denen sie nacheifern können. Die Gehörlosen sind diesen Berufsständen gegenüber mißtrauisch geworden, die ihr Leben beeinflussen, aber nur selten an ihrer Gemeinschaft teilhaben.
 
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3. Was also ist die Gehörlosengemeinschaft?
Und was ist eine Gemeinschaft überhaupt?
 
Eine Gemeinschaft ist ein umfassendes Gesellschaftssystem, in dem eine Gruppe von Menschen zusammenlebt, gemeinsame Ziele hat und eine gewisse Verantwortung für einander übernimmt.

Wie sehen die "Regeln" in der Gehörlosengemeinschaft aus? Bei den Gehörlosen gibt es viele Regeln, die der hörende Mitmensch nicht kennt und die er auch nie (oder höchstens in Ausnahmefällen) anwenden würde. "Wir Gehörlose gehören alle derselben Familie an", sagte einmal ein führender Gehörloser. Tatsächlich ist die Metapher von der Familie elementar und taucht immer wieder auf. Nach den Normen der Hörenden handelt es sich um eine heterogene Familie: das alles überragende Merkmal, gehörlos zu sein, läßt alle Unterschiede hinsichtlich Alter, Schichtzugehörigkeit, Geschlecht und ethnischer Abstammung in den Hintergrund treten. Diese Unterschiede haben in der Gesellschaft der Hörenden mehr Bedeutung als in der Gesellschaft der Gehörlosen. Außerdem gibt es in der Gehörlosenkultur eine Neigung zu Gruppenentscheidungen. Gegenseitige Hilfe und wechselseitige Beziehungen genießen einen hohen Stellenwert.
Ich möchte gerne einige Beispiele aufzählen:
Aus der Sicht der Hörenden liegt sich diese "Familie" sozusagen dauernd in den Armen. Gehörlose umarmen sich immer wieder beim Wiedersehen und ebenso beim Abschied. Es sind wirkliche Umarmungen. Aber natürlich umarmt man nicht alle Gehörlosen automatisch. Bei engen Freunden und guten Bekannten kommt es zwar häufig vor, manchmal reicht aber auch ein "Händeschütteln". Sollte ich eine Veranstaltung besuchen, wo sich schon mehrere Gehörlose befinden, so bin ich quasi verpflichtet, jedem die Hand zu schütteln. Sollte ich jemanden "vergessen", fühlt sich diese Person von mir entweder ausgeschlossen oder nicht beachtet. Abschiedsszenen können sehr lange dauern und vollziehen sich stufenweise. Ein plötzlicher oder sogar vorläufig unkommentierter Abgang wird in der Regel als unannehmbar angesehen. Ausnahmen gibt es auch, aber nur selten, z.B. kann man beim Abschied die Hand hochheben und den noch anwesenden Personen zuwinken. Ich persönlich mache so etwas äußerst selten, da ich meist der letzte Gast bei Veranstaltungen bin.
 
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4. Das kulturelle Leben Gehörloser
Gehörlose sind aufgrund ihres Hörverlustes, früher Erfahrungen, ihrer Sprache und ihres Gemeinschaftsengagements einzigartig. Sie funktionieren wie eine Minderheitengruppe. Die Geschichte der Gehörlosen ist durch den Druck zur "Abschaffung von Gehörlosigkeit" und den Zwang zur "Normalisierung" durch die orale Sprache gekennzeichnet. Dies hat dazu geführt, daß sich die ethnische Gemeinschaft Gehörloser nur schmerzvoll entwickeln konnte und daß sie offene wie versteckte Unterdrückung ertragen mußte. Es ist nicht verwunderlich, daß das kulturelle Leben vor neugierigen Augen versteckt wurde. Die Grundlage der Gehörlosenkultur bilden Alltagserlebnisse. Sie formen die Wahrnehmung der Gebärdensprachverwender und bringen letztlich die Lyrik, das Drama und die Geschichten der Gehörlosengemeinschaft hervor.
Viele Verhaltensregeln unter Gehörlosen entstehen aus der Nutzung von visueller und räumlicher statt akustischer Wahrnehmung, und man kann sie jetzt klar als Schlüsselaspekte gehörlosen Verhaltens identifizieren. Ich habe die österreichische Situation nach langjährigen Beobachtungen unter gewissen Aspekten untersucht:
 
•  Gehörlose berühren einander mehr als Hörende. Der Einstieg in eine Unterhaltung oder das Erlangen von Aufmerksamkeit geschieht oft durch Berührung. Meistens am Oberarm, am Unterarm oder auch an der Schulter. Ein sehr guter Bekannter darf auch am Oberschenkel berührt werden. Die Berührung des mittleren Rückens kommt selten vor, denn in diesem Fall wissen Gehörlose nicht in welche Richtung sie sich umdrehen sollen und fühlen sich verunsichert.
•  Grundsätzlich schauen sich Gehörlose immer in die Augen wenn sie sich unterhalten. Ein abruptes Wegsehen wird als unhöflich betrachtet. Wenn der Gebärdende während einer Unterhaltung kurz vom Kommunikationspartner wegsieht,ist das in Ordnung, solange er den Blickkontakt bald wieder aufnimmt.
•  Das Unterbrechen einer laufenden Unterhaltung ist ebenfalls regelgebunden. Wenn zwei Leute gebärden und eine dritte Person betritt die Szene und möchte unterbrechen um der 1. Person eine dringende Frage zu stellen, dann ist folgendes Schema üblich: die hinzutretende Person berührt die erste Person an Oberarm oder Schulter, während zur zweiten Person Blickkontakt hergestellt wird. Das Gebärden ist dann an die zweite Person gerichtet: "Sorry - unterbrechen- wichtige Frage", dann stellt man der ersten Person die Frage. Bevor man geht, wendet man sich nochmals zur zweiten Person zurück und entschuldigt sich nochmals.
•  Sich Abwenden gilt im allgemeinen als Beleidigung. Wenn die Aufmerksamkeit abgelenkt wird, muß der Gebärdende eine bestimmte Konvention anwenden, um den Gesprächspartner nicht zu verletzen.
•  Der Einsatz von Licht, um Aufmerksamkeit zu erregen, ist ebenfalls von Gehörlosenkonventionen geregelt. Die kurzen "Blitze" ähneln einem sanften Türklopfen. Längere Blinkintervalle wirken wie für einen Hörenden wie ein Hämmern an der Tür und sind höchst irritierend.
•  Verabschiedungen sind, wie vorhin schon erwähnt, ein äußerst langwieriger Prozeß.
•  Oder zum Beispiel eine Situation am Flughafen: Wenn hörende Personen zu einem Vortrag oder Seminar eingeladen werden und am Flughafen eines fremden Landes von jemandem empfangen werden, so werden sie entweder nach ihren Namen gefragt oder durch eine Tafel aufmerksam gemacht. Anders die Situation bei den Gehörlosen. Sie werden nicht sofort nach den Namen gefragt, die erste Frage nach einem Augenkontakt lautet: "Bist du gehörlos?" Erst nach Bejahung dieser Frage stellt man sich vor.
 
Hier noch lustiges Beispiel, das zeigt, daß sich Gehörlose oft gar nicht so sehr von hörenden Mitmenschen unterscheiden. Ein hörender Redner wird wohl hin und wieder während einer langen Rede eine Pause machen und sich ein Schlückchen Wasser gönnen, um seine trockene Kehle anzufeuchten. Auch Gehörlose machen diese Pause. Sie trinken jedoch kein Wasser, sondern tauchen ihre heiß gewordenen "sprechenden" Hände in kaltes Wasser ein, um sie abzukühlen.

 

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