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Informationen über Gehörlose und Gebärdensprache
 
Prof.Dr. Jens Heßman
 
Prof.Dr. Jens Heßman ist einer der wichtigsten GS-Linguisten Deutschlands. Gemeinsam mit Dr. Horst Ebbinghaus veröffentlichte er drei Bücher und zahlreiche Aufsätze zu den Themen Gebärdensprache, Gebärdensprachdolmetschen und Gebärdenspracherwerb . Er ist Mitglied im "Fachausschuß Gebärden" des Deutschen Gehörlosenbundes. War mit dem Aufbau eines Modellstudiengangs für gehörlose Sozialarbeiter und Sozialpädagogen an der Fachhochschule Potsdam beauftragt. Seit 1998 ist Prof.Dr. Jens Heßman, Dozent an der Fachhochschule Magdeburg, Studienrichtung Gebärdensprachdolmetschen
 
    1. Wer ist gehörlos?
    2. Die soziale Grundkonstellation
    3. Die Bildungskontroverse
    4. Gehörlose unter Hörenden
    5. Gehörlose unter sich
    6. Gebärdensprache
    7. Gebärdensprachdolmetschen
    8. Literaturhinweise
 
 
1. Wer ist gehörlos?
Als gehörlos werden Menschen bezeichnet, die
 
•  frühkindlich und damit in der Regel vorsprachlich ertaubt sind;
 
•  gesprochene Sprache auch mit technischen Mitteln nicht über das Ohr wahrnehmen können;
 
•  einen engen sozialen Zusammenhang auf der Grundlage eigenständiger kommunikativer Mittel bilden (die "Gehörlosengemeinschaft").
 
Eine solche Bestimmung trifft in Deutschland auf ca. 80.000 Menschen zu. Der frühe Zeitpunkt der Ertaubung unterscheidet Gehörlose von den Ertaubten. Die Unfähigkeit, gesprochene Sprache mit technischen Mitteln wahrzunehmen, unterscheidet Gehörlose von den Schwerhörigen. Zwischen den drei großen Gruppen der Hörgeschädigten (Gehörlose, Schwerhörige, Ertaubte) bestehen erhebliche soziale Unterschiede. Gehörlose bilden die zahlenmäßig deutlich kleinste, in sozialer Hinsicht jedoch am schärfsten konturierte Gruppe Hörgeschädigter. Stark vereinfachend lassen sich grundsätzliche Unterschiede wie folgt charakterisieren:
 
•  Für Ertaubte steht die psychische und soziale Verarbeitung des in der Regel unvorhergesehen eingetretenen Hörverlustes im Vordergrund.
 
•  Schwerhörige tendieren dazu, sich auf individuellem Weg um Anpassung an die Gegebenheiten der von guthörenden Menschen dominierten sozialen Welt zu bemühen.
 
•  Gehörlose kompensieren die in der hörenden Welt erfahrenen Beschränkungen durch Konstitution eigenständiger sozialer Zusammenhänge.
 
Gehörlosigkeit ist meist nicht gleichbedeutend mit völliger Taubheit. Resthörfähigkeiten werden häufig zum Ansatzpunkt für medizinisch-technische und pädagogische Maßnahmen. Gehörlosigkeit erweist sich letztlich als ein sozialer Begriff: Gehörlose sind demnach Menschen mit einer gravierenden Hörschädigung, deren Lebensmittelpunkt im sozialen Zusammenhang der Gehörlosengemeinschaft angesiedelt ist.
Nebenbei bemerkt: 'Taubstumm' ist ein veralteter Ausdruck für 'gehörlos', der inzwischen verpönt ist, weil Gehörlose 1. nicht stumm sind (wenn auch häufig schwer verständlich sprechen) und das Wort 2. durch negative Konnotationen belastet ist ("Gehörlos ist nicht sprachlos, taubstumm ist nicht dumm" lautete vor einigen Jahren ein Slogan auf einer Demonstration Gehörloser ). In der internen Kommunikation Gehörloser wird der Ausdruck 'taubstumm' gelegentlich benutzt, um die Zugehörigkeit zur Kernkultur Gehörloser zu bezeichnen.
 
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2. Die soziale Grundkonstellation
Gehörlose sind in ihrer Mobilität nicht eingeschränkt, ihre Behinderung fällt nicht auf. Gehörlosigkeit bedeutet dagegen den Ausschluß von kommunikativen und damit sozialen Prozessen (nach einer bekannten Formulierung der taubblinden Schriftstellerin Helen Keller trennt Blindheit von den Dingen und Taubheit von den Menschen). Daraus ergibt sich eine gewisse Ambivalenz: Insofern Gehörlosigkeit den sozialen Kontakt mit der Umwelt erheblich beeinträchtigt, greift sie in krasser Weise in das Leben des einzelnen ein. Wer damit zu leben gelernt hat, muß sich andererseits durchaus nicht 'behindert' fühlen und weiß seine Bewegungsfreiheit im allgemeinen zu schätzen. Dem unbeschwerten sozialen Kontakt mit anderen Gehörlosen kommt in diesem Zusammenhang große Bedeutung zu. In der Kommunikation unter Gehörlosen spielen Fragen des Hörens oder Nichthörens kaum eine Rolle. Die Gehörlosengemeinschaft ist ganz einfach ein lustiges kleines Völkchen, das dem einzelnen Gehörlosen den sozialen Entfaltungsraum bietet, den ihm die große Gesellschaft versagt. Gehörlose lernen, ihren Part in der hörenden Gesellschaft zu spielen (sprich: ihr täglich Brot zu verdienen). Persönlich/sozial/emotional Signifikantes, Freundschaften, Liebe oder auch nur intensivere Gespräche spielen sich dagegen mit anderen Gehörlosen ab.
 
Ein gängiges Wort spricht treffend davon, daß Gehörlose ein "Leben in zwei Welten" führen. Nach meiner Erfahrung wissen Gehörlose sehr genau, daß beides, die Teilhabe am Leben der hörenden Majorität wie auch die soziale

Entfaltung im Kreise Gleichbetroffener, irreduzible Bestandteile ihrer sozialen Existenz sind. Die häufig von Gehörlosenpädagogen geäußerte Warnung vor segregativen Tendenzen und einem Rückzug in ein "Gehörlosenghetto" geht meines Erachtens am Realitätssinn der Betroffenen vorbei und unterschätzt die sozialen Einschränkungen, mit denen Gehörlose auch bei guter Beherrschung der gesprochenen Sprache in einer Welt von hörenden Menschen leben müssen.
 
Die angedeuteten Einstellungen und Verhaltensweisen prägen auch den Kontakt zu anderen Behindertengruppen. Andere Behinderte sind für Gehörlose zunächst einmal genauso sehr Hörende wie Nicht-Behinderte. Unter Umständen ist die Kommunikation mit anderen Behinderten wie z.B. Blinden oder Körperbehinderten sogar schwieriger als mit nicht-behinderten Hörenden. Symptomatisch ist also etwa, daß Gehörlose nicht an den Para-Olympischen Spielen beteiligt sind, sondern eigene Gehörlosen-Olympiaden durchführen (die zugleich Zeugnis über das auch über Ländergrenzen hinweg starke Gemeinschaftsempfinden Gehörloser ablegen). Selbst zu Schwerhörigen besteht ein erheblicher sozialer Abstand; so sind schon kurze Zeit nach der Wende die Gehörlosen aus dem DDR-Staatsverband aller Hörgeschädigten aus- und in den altbundesrepublikanischen Gehörlosenverband eingetreten. Daß sich eine solche Gruppenisolierung nachteilig auswirken kann, z. B., wenn es darum geht, politische Forderungen einzuklagen, ist in jüngerer Zeit in der Diskussion um die Einführung eines Gleichstellungsgesetzes nach dem Vorbild des Americans with disabilities act deutlich geworden.
Die umschriebene soziale Grundkonstellation ist mindestens so alt wie das Bildungswesen für Gehörlose (also rund 200 Jahre). Relativ neu – in Deutschland seit etwa 1985 – ist dagegen der Versuch, diese soziale Konstellation im Sinne eines erneuerten Selbstverständnisses Gehörloser umzudeuten. Gehörlose begreifen sich demnach nicht länger oder doch nicht in erster Linie als Behinderte, sondern vielmehr als Angehörige einer sprachlichen Minderheit besonderen Zuschnitts. Man darf diese Entwicklung getrost als einen Emanzipationsprozeß ansehen, der naturgemäß vielerlei Brüche und ein breites Spektrum vom ängstlichen Beharren auf den Privilegien, die sich mit dem Behindertenstatus verbinden, bis zur Formulierung von deaf power-Positionen bietet. Mit dem neu erwachten Selbstbewußtsein der Gehörlosengemeinschaft hat sich eine Vielzahl von sozialen Innovationen vollzogen. Daß an der Universität Hamburg ein Studienfach Gebärdensprache gewählt werden kann, an der Fachhochschule Köln eine Professur für Gebärdensprachdolmetschen ausgeschrieben wird oder die Fachhochschule Potsdam Gehörlosen die Möglichkeit bietet, Sozialarbeit/Sozialpädagogik zu studieren, wäre noch vor wenigen Jahren so gut wie unvorstellbar gewesen.
Die Entstehung eines neuen Selbstbewußtseins Gehörloser steht und fällt mit der Aufwertung der von ihnen benutzten eigenständigen kommunikativen Mittel. Gebärdensprache ist mit einer Hypothek von Vorurteilen ("primitiv!", "dem Konkreten verhaftet!", "nur Bilder!", "bloße Körpersprache!") belastet. Der traditionell von Gehörlosen selbst zur Bezeichnung ihrer Kommunikationsweise benutzte Ausdruck 'Plaudern' läßt den vertraulichen und entspannten Charakter der intrakommunalen Verständigung anklingen und gibt zugleich einen Hinweis auf das Gefühl von Minderwertigkeit, das diese Kommunikation stets begleitet hat. Sich mit Händen, Körper und Gesicht zu verständigen ist eben 'nur plaudern', während 'Sprache' jenes schwer erreichbare Vermögen bezeichnet, dem man in der Schule und in der hörenden Welt begegnet (und man muß froh sein, wenn einem der Lehrer nicht "stört durch Plaudern" in das Zeugnis schreibt). Vor diesem Hintergrund mag die durchschlagende soziale Wirkung erahnbar sein, die die seit den 60er Jahren in der Sprachwissenschaft Platz greifende Überzeugung, Gebärdensprachen seien Sprachen wie andere Sprachen auch, gehabt hat. Prillwitz' und Joachims International Bibliography of Sign Language (s. Literaturliste) verzeichnet 1993 ca. 7000 Titel. Die große Mehrheit aller heute schreibenden Autoren teilt die Auffassung, daß traditionelle Vorbehalte gegenüber Gebärdensprache unbegründet sind und daß es in Funktion und Struktur deutliche Parallelen zwischen gesprochenen und gebärdeten Sprachen gibt.
 
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3. Die Bildungskontroverse
Für den durchschnittlichen Intellektueller mag der Gedanke, nicht hören zu können, immerhin mit der angenehmen Vorstellung einhergehen, sich mit Ruhe in all die Bücher vertiefen zu können, die man schon immer gern einmal lesen wollte. Sehvermögen und Schriftkenntnis allein genügt dafür allerdings nicht, sondern es bedarf all jener intellektuellen Voraussetzungen, die man gemeinhin als Bildung bezeichnet. Dem Bildungserwerb von Gehörlosen stehen nun erhebliche kommunikative Hindernisse im Weg. Bis in die Neuzeit hinein galten Gehörlose als schlicht bildungsunfähig. Daß Nichthören den natürlichen Erwerb der gesprochenen Sprache unmöglich macht, daß also Stummheit eine Folge von Taubheit ist, wurde historisch erst spät erkannt. Die Entwicklung von Methoden zur Vermittlung der gesprochenen Sprache führte in der Zeit der Aufklärung zur Institutionalisierung einer speziellen sonderpädagogischen Unterrichtung Gehörloser. In welchem Verhältnis die Vermittlung (laut-)sprachlicher Kenntnisse und Fertigkeiten einerseits und die Aneignung anderer, nicht-sprachlicher Bildungsinhalte andererseits stehen kann und sollte, ist eine Frage, die die Gehörlosenpädagogik bis heute bewegt.
Der international als die "deutsche Methode" bekannte (allerdings längst nicht nur in Deutschland praktizierte) Weg der Erziehung und Bildung gehörloser Kinder geht davon aus, daß nur eine konsequente Vermittlung der gesprochenen Sprache Gehörlosen die soziale Integration in das gesellschaftliche Leben ermöglicht. Da Gehörlose ihre eigene Stimme nicht hören können, ist die Aneignung von Artikulationsfertigkeiten in der Gehörlosenschule ein überaus mühsames und zeitaufwendiges Geschäft, das zu Lasten des allgemeinen Wissens- und insbesondere auch Schriftspracherwerbs betrieben wird. Eine der bedrückendsten Ironien der Bildungssituation Gehörloser besteht mithin darin, daß sie sich nach Abschluß der Schulzeit des prinzipiell gut zugänglichen Schriftmediums häufig nur stark eingeschränkt zu bedienen wissen. Kompensationstheorien à la "Wer Sprache nicht hören kann, liest umso mehr und besser" erweisen sich von daher als gänzlich verfehlt! Tatsache ist vielmehr, daß Gehörlose in der Regel schwerwiegende Probleme beim Gebrauch der Schriftsprache haben, über einen stark eingeschränkten Wortschatz verfügen und häufig auch elementare Sprachverwendungsregeln nicht beherrschen.
Konsequenz in der Vermittlung der gesprochenen Sprache bedeutet in der Gehörlosenschule neben der Konzentration auf die Ausbildung von Artikulationsfertigkeiten ferner auch den Verzicht auf alternative Kommunikationsmittel. Außenstehende haben häufig die Vorstellung, Gebärdensprache werde in den Gehörlosenschulen, wenn schon nicht gehegt und gepflegt, dann doch wenigstens regelmäßig benutzt. Diese Vorstellung ist falsch! Hörende, die in Bildungsfunktionen mit Gehörlosen zu tun haben, verfügen vielmehr in aller Regel nur über rudimentäre oder gar keine Gebärdensprachkenntnisse und verpflichten Gehörlose auf die Kommunikationsweise der hörenden Majorität. Gerechtfertigt wird ein solches Vorgehen mit Überlegungen der folgenden Art: Der im Interesse des übergeordneten Integrationsziels wünschenswerte Erwerb der gesprochenen Sprache ist für Gehörlose schwierig und mühsam; die Verwendung eines leichter zugänglichen Kommunikationsmittels würde die Motivation und damit den Lernerfolg der Schüler beeinträchtigen. Die gesprochene Sprache ist also Mittel und Ziel des Unterrichts an Gehörlosenschulen zugleich; das primäre Kommunikationsmittel Gehörloser bleibt aus dem Unterricht ausgeschlossen. Im Unterricht das mühsame Sprechen und Ablesen, in der Pause das befreite Gebärden der Kinder – so die sich stets reproduzierende Grundsituation an Gehörlosenschulen. Man sollte sich mithin klar machen, daß Gebärdensprache ein sozial naturwüchsiges, natürlichsprachliches Phänomen ist, das in den vergangenen 200 Jahren so gut wie keine institutionelle Förderung erfahren hat! Es liegt auf der Hand, daß der Verzicht auf die Verwendung eines Kommunikationsmittels, das den Wahrnehmungsvoraussetzungen Gehörlose in besonderer Weise entgegenkommt, mit erheblichen Einschränkungen bei der Vermittlung von Wissen und Erfahrung einhergeht.
Das Für und Wider eines Einsatzes alternativer Kommunikationsmittel hat die Gehörlosenpädagogik seit ihrer Entstehung begleitet. Im Zuge der oben skizzierten Entwicklung eines neuen Selbstbewußtseins Gehörloser ist das einseitig an der gesprochenen Sprache orientierte Bildungswesen erneut und vielleicht heftiger als je zuvor in die Kritik geraten. Die Erfolge traditioneller Bildungsbemühungen erscheinen je nach Perspektive als beachtlich oder aber als gar zu bescheiden. Es ist unbestritten, daß eine Sonderbeschulung herkömmlichen Stils Gehörlosen Grundkenntnisse und -fertigkeiten in der gesprochenen bzw. geschriebenen Sprache sowie eine gewisse Allgemeinbildung vermittelt. Daß Gehörlose etwa eine qualifizierte Facharbeiterausbildung absolvieren können, darf man als Erfolg verbuchen. Andererseits bleiben Gehörlosen bis heute höhere Bildungsgänge oder gar akademische Berufe in aller Regel verschlossen. Mit vermutlich nur leichter Überzeichnung kann man über den durchschnittlichen Absolventen einer Gehörlosenschule etwa folgendes sagen:
 
•  Er/sie kann mit einiger Mühe Zeitung lesen, wird aber nur selten über die Bildungsvoraussetzungen verfügen, die ihm/ihr erlauben würden, gewinnbringend zum Buch zu greifen.
 
•  Er/sie kann einfache Sachverhalte schriftlich, wenn auch selten fehlerfrei mitteilen.
 
•  Er/sie spricht auffällig und ist häufig nur für Eingeweihte problemlos verständlich.
 
•  Er/sie hat an der Gemeinschaft mit Hörenden häufig mehr durch Raten, Kombinieren oder freundliches Lächeln als durch wirkliches Verstehen Anteil.
 
Als Alternative zur traditionellen Schulausrichtung wird zunehmend der Gedanke einer bilingualen Erziehung gehörloser Kinder propagiert. Und tatsächlich: Warum sollte 1 + 1 nicht 2 (gesprochene und gebärdete Sprache) ergeben können? Ist es nicht sinnvoll, sich für die Vermittlung von Kenntnissen und Fertigkeiten eines verfügbaren und gut funktionierenden Kommunikationsmittels zu bedienen, anstatt den gesamten Bildungsprozeß nach dem Motto "Übung macht den Meister" durch das Nadelöhr der gesprochenen Sprache zwingen zu wollen? Sollte sich nicht das Bildungswesen an der sozialen Wirklichkeit und damit an einem "Leben in zwei Welten" Gehörloser ausrichten? So zwingend derlei Überlegungen auch scheinen mögen, derzeit wird der Gedanke einer bilingualen Erziehung gehörloser Kinder in Deutschland (anders als etwa in Schweden) erst in zaghaften Versuchen praktisch umgesetzt, und selbst solch zarte Pflänzchen haben mit massivem Widerstand zu kämpfen.
Um zu verstehen, warum sich so viele der im Bereich von Erziehung und Bildung mit Gehörlosen befaßten Fachleute Neuerungen, wie sie in der einen oder anderen Weise von der Gebärdensprachbewegung gefordert werden, mit solch großer Unnachgiebigkeit widersetzen, ist es notwendig, einen Blick auf die Situation eines betroffenen Kindes und seiner Familie zu werfen. Weniger als 10 % aller gehörlosen Kinder haben gehörlose Eltern. Für diese Minderheit von Kindern gilt im allgemeinen, daß sie eine relativ normale frühkindliche Sozialisation durchleben – normal hinsichtlich Art und Umfang der Interaktion mit den Eltern, nur daß diese Interaktion eben mit den Mitteln der Gebärdensprache erfolgt. Daß sie behindert sind, erfahren gehörlose Kinder gehörloser Eltern im großen und ganzen erst in der Schule. Ganz anders für den weitaus typischeren Fall, daß die Eltern hörend sind und zu ihrer Bestürzung feststellen müssen: Unser Kind ist hörgeschädigt. Die ärztliche Diagnose wird nicht etwa 'gehörlos', sondern z. B. 'hochgradig hörgeschädigt' oder 'an Taubheit grenzend schwerhörig' lauten. Die Perspektive von Beratern und Frühförderern entspricht den naheliegenden Wünschen der Eltern: Es werden alle medizinisch, technisch und pädagogisch möglichen Register gezogen, um das verbliebene Hörvermögen des Kindes zu nutzen. Tatsächlich erlaubt die audiologische Diagnose allein keine verläßliche Voraussage über den Entwicklungsweg des Kindes. Für die Beteiligten steht in der Regel der Versuch im Vordergrund zu verhindern, daß aus dem hochgradig hörgeschädigten Kind ein – im sozialen Sinn – gehörloser Erwachsener wird.
Während also auf der einen Seite Gehörlose und ihre Freunde bemüht sind, die Einsicht gesellschaftsfähig zu machen, daß Gehörlosigkeit eben auch nur eine von vielen möglichen Lebensformen ist und daß diese Lebensform einem Kind mit einer hochgradigen Hörschädigung nicht vorenthalten bleiben sollte, arbeiten die meisten der mit ungleich viel mehr Macht und Mitteln ausgestatteten Mediziner, Hörakustiker und Pädagogen in die entgegengesetzte Richtung: Das Kind soll 'so hörend wie möglich' gemacht werden. Eltern, die mit ihrem hörgeschädigten Kind eine Beratungsstelle aufsuchen, erfahren über Gehörlosenkultur, Gehörlosigkeit als Lebensform, Ausdrucksmöglichkeiten von Gebärdensprache usw. im allgemeinen so gut wie nichts. Sie haben bestenfalls vage, zweifellos mit Angst oder Abwehr besetzte Vorstellungen davon, wie erwachsene Gehörlose ihr Leben gestalten. Es liegt nahe, daß sie den Erwartungen, die das Angebot der Fachleute und Experten erzeugt, nachgeben und sich für den Weg des Hörens und den Versuch zur Anpassung an die Normalität entscheiden. Wie gesagt, dieser Versuch kann durchaus gelingen – doch was heißt hier schon 'gelingen'? Mit einer hochgradigen Hörschädigung leben zu müssen geht in jedem Fall mit gravierenden sozialen Einschränkungen einher, und viele der betroffenen Kinder werden hinter dem Rücken von Elternhaus und Bildungseinrichtungen ihren Weg in die Gehörlosengemeinschaft finden.
 
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4. Gehörlose unter Hörenden
Alltagssituationen lassen einen umfänglicheren Einsatz schriftsprachlicher Mittel meist nicht zu. Zudem fehlt, wie erwähnt, auf Seiten Gehörloser häufig die für eine vertiefte Schriftsprachkommunikation erforderliche Kompetenz. Da nur wenige Hörende über Gebärdensprachkenntnisse verfügen, sind Gehörlose deshalb im Kontakt mit Hörenden im allgemeinen darauf angewiesen, selbst zu sprechen und Gesprochenes vom Mund des Sprechers abzulesen.
Der Ausfall des natürlichen Kontrollorgans macht den Stimmgebrauch zu einer heiklen, psychisch wie physisch belastenden und hinsichtlich ihres Resultats unbefriedigenden Angelegenheit. Die Qualität des Sprechens Gehörloser hängt von einer Reihe von Faktoren ab, von denen die in der Schule aufgebrachte Bereitschaft, sich der Mühsal des Artikulationstrainings zu unterziehen, sicherlich nur einer ist. Das Sprechen Gehörloser klingt für den Außenstehenden in der Regel stark auffällig und erfordert einige Verständnismühe. Daß Lehrer die Stimmen ihrer eigenen Schüler verstehen, die der Schüler der Nachbarklasse jedoch schon nicht mehr, ist nicht ganz ungewöhnlich.
Um die Schwierigkeiten einer Sprachaufnahme durch Ablesen zu ermessen, sollte man sich einmal einige Minuten vor einen tonlosen Tagesschausprecher setzen. Ablesefähigkeiten Gehörloser sind zwar durchaus bemerkenswert, bleiben jedoch innerhalb des Menschenmöglichen. Ablesen macht sich die für die Lautproduktion erforderlichen Bewegungen der unteren Gesichtspartie zunutze; die beim Sprechen sichtbaren Bewegungen bleiben jedoch auf jeden Fall weitaus weniger eindeutig als die hörbaren Lautfolgen, die wir als Wörter identifizieren. Ablesen ist ungemein störungsanfällig und überhaupt nur unter günstigen Bedingungen (geeignete Entfernung, ausreichende Ausleuchtung, gute Sichtbarkeit der Mundpartie, deutliches, aber nicht übertriebenes Sprechen usw.) praktikabel. Ablesen ist in jedem Fall ein hochgradig rekonstruktiver Prozeß, der Kontextinformationen aller Art nutzen muß, um Hinweise zur Deutung der flüchtigen Mundbewegungen zu gewinnen. Ablesen erfordert eine äußerste Konzentrationsleistung, die im Einzelgespräch unter Umständen eine gewisse Zeit lang zu erbringen ist. Einem spontanen Gespräch mehrerer Personen oder gar einer Seminardiskussion durch Ablesen zu folgen ist dagegen so gut wie unmöglich.
Unter den beschriebenen Kommunikationsbedingungen bleibt der Kontakt mit den hörenden Mitmenschen mit Notwendigkeit stark eingeschränkt. Selbst mit den hörenden Eltern und Geschwistern tendiert der Austausch zur Beschränkung auf elementare Mitteilungen. In vielen Familien gibt es eine Person (meist die Mutter des Gehörlosen), die die Kommunikation mit den übrigen Familienmitgliedern maßgeblich vermittelt. In Familien mit mehreren gehörlosen Mitgliedern bilden sich, einem Gesetz der sozialen Schwerkraft folgend, bei Familienfeiern und ähnlichen Anlässen schnell getrennte Gesprächskreise von Hörenden und Gehörlosen. Der Austausch mit Nachbarn, aber auch Arbeitskollegen beschränkt sich meist auf Grußformeln und andere stark ritualisierte Gesprächsanteile. Alltägliches Handeln (Einkauf, Straßenverkehr, Inanspruchnahme von Dienstleistungen o.ä.) wird weitgehend unter Umgehung ausgreifenderer Kommunikationsanlässe organisiert. Der weitaus größte Teil des kulturellen Lebens (Theater, Kino, Konzerte, Veranstaltungen usw.) bleibt unzugänglich und ungenutzt.
Traditionell stand Gehörlosen nur eine eng umgrenzte Auswahl von Berufen offen (etwa: Schuster, Bäcker, Schneider, Buchbinder). Noch heute gibt es eine Reihe von besonders typischen Berufsfeldern wie z.B. technisches Zeichnen oder assistierende Tätigkeiten im Vermessungswesen. In der DDR war der als "Studium" bezeichnete Besuch der Medizinischen Fachschule Dresden und die dort absolvierte Zahntechnikerausbildung das höchste für Gehörlose erreichbare Bildungsniveau. Bis vor wenigen Jahren hatten Gehörlose auch in der alten Bundesrepublik so gut wie keinen Zugang zu sozialen, pädagogischen und akademischen Berufen aller Art. Gehörlose arbeiten häufig nicht in den von ihnen erlernten Berufen, sondern üben einfache Tätigkeiten in Industrie und Handwerk aus. Ihre Aufstiegschancen sind im allgemeinen gering. Sie haben in der Regel kaum Aussichten, den einmal eingenommenen, meist kommunikationsarmen und durch Routinisierung geprägten Arbeitsplatz zu wechseln.
Mein persönlicher Eindruck ist, daß Gehörlose sich mit der skizzierten Situation überwiegend mit bemerkenswerter Gelassenheit zu arrangieren wissen. Einem verbreiteten Vorurteil zufolge sind Gehörlose mißtrauische Menschen. Wenn man schon verallgemeinern will, dann würde ich es vorziehen, sie als illusionslos zu bezeichnen: Gehörlosen sind die sozialen Barrieren, mit denen sie leben müssen, zu gut vertraut, als daß sie sich allzu große Erwartungen hinsichtlich dessen, was die Welt der Hörenden ihnen zu bieten hat, erlauben könnten. Man kommt nicht an den Hörenden vorbei, also macht man mit, so gut es eben geht. Daß es lebensklug ist, sich mit Dingen und Gegebenheiten abzufinden, die nun einmal nicht zu ändern sind, ist eine Lektion, die die meisten Gehörlosen gelernt zu haben scheinen. Im übrigen sind Hörende eben nur Hörende, und eine soziale Heimat findet sich jenseits ihrer Welt in der Gemeinschaft mit anderen Gehörlosen.
 
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5. Gehörlose unter sich
Das soziale Netz der Gehörlosengemeinschaft ist engmaschig und bietet dem einzelnen Gehörlosen eine Vielzahl von regionalen und überregionalen Kontaktmöglichkeiten. Es wird aufrechterhalten von Vereinen und Verbänden, die ein reges soziales Leben entfalten. Der Organisationsgrad Gehörloser ist hoch; der Deutsche Gehörlosenbund und die ihm angeschlossenen Landes- und Regionalverbände zählen ca. 35.000 Mitglieder (von etwa 80.000 Gehörlosen; zum Vergleich: der Deutsche Schwerhörigenbund hat bei einer vielfachen größeren Zahl von Betroffenen nur etwa 5.000 Mitglieder). In vielen deutschen Städten gibt es einen lokalen Verein Gehörloser, der häufig ein eigenes Clubheim besitzt. Das Clubheim ist Anlaufstelle und Kontaktbörse für einheimische und auswärtige Gehörlose. Traditionell geben insbesondere sportliche Aktivitäten Anlaß zur regelmäßigen Begegnung untereinander. Viele gehörlose Jugendliche finden über eine Teilnahme am Sportangebot des Gehörlosenvereins den Zugang zur Gemeinschaft mit anderen und zumal erwachsenen Gehörlosen. In den letzten Jahren bemühen sich Gehörlosenvereine verstärkt um einen Ausbau des sozialen und kulturellen Angebots.
Ca. 90 % aller Gehörlosen heiraten untereinander. Freundschaften und intensivere Bekanntschaften bestehen in der Regel zu anderen Gehörlosen, die man in der Schule, im Verein oder auf einer der vielen überregionalen Begegnungen Gehörloser kennengelernt hat. Gehörlose sind häufig überaus reisefreudig, freundschaftliche Beziehungen zu Gehörlosen anderer Länder sind weit verbreitet. Die Gehörlosengemeinschaft ist eine Solidargemeinschaft, in der gegenseitige Hilfe mit großer Selbstverständlichkeit geleistet wird. Auf der anderen Seite ist es auch eine kleine und gelegentlich enge Gemeinschaft. Zum Gegenstand des Klatsches anderer Gehörloser zu werden ist eine verbreitete Befürchtung.

Die Gehörlosengemeinschaft ist vor allem durch die Intensität der kommunikativen Beziehungen aller Beteiligten geprägt. Ganz im Gegensatz zum Bild Gehörloser in der Öffentlichkeit erweisen sie sich untereinander als leidenschaftliche und ausdauernde Gesprächspartner und Erzähler. Charakteristisch ist das Wort vom "langen Abschied" Gehörloser: Ist man erst einmal beisammen und in ein Gespräch vertieft, dann findet sich so schnell kein Ende, weil es immer noch dies oder jenes hinzuzufügen und zu erzählen gibt.
 
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6. Gebärdensprache
Grundlage des eigenständigen sozialen Lebens Gehörloser ist die Gebärdensprache. Der traditionelle Begriff bezeichnet zunächst ein körperliches Ausdrucksgeschehen geringen Konventionalisierungsgrades (etwa wenn in Goethes Werken von der "Gebärdensprache der Neapolitaner" die Rede ist). Der Ausdruck 'Sprache' ist in solcher Redeweise uneigentlich gebraucht, ein Vergleich mit der gesprochenen und geschriebenen Sprache erübrigt sich. Für Gehörlose ist Gebärdensprache seit jeher wohletablierte und gut funktionierende kommunikative Praxis, ohne daß dies doch zunächst zur Ausprägung eines eigenen Sprachbewußtseins geführt hätte. Das 'Plaudern' untereinander befreit von der Anstrengung und Unzuverlässigkeit, die der Gebrauch der (gesprochenen) 'Sprache' mit Hörenden unvermeidlich mit sich bringt. Als entscheidende Kommunikationserleichterung geraten zunächst die Gebärden, d.h. die konventionellen Handzeichen Gehörloser, ins Blickfeld. 'Plaudern' ist demnach 'Verständigung mit Gebärden', und für die Berücksichtigung dieser Kommunikationsweise etwa im Bildungsgeschehen haben sich Gehörlose stets stark gemacht. Erst in den letzten Jahren und in Reaktion auf Entwicklungen innerhalb der Sprachwissenschaft hat der Gedanke, Gebärdensprache sei im eigentlichen Sinne eine Sprache wie andere (gesprochene) Sprachen auch, Eingang in das Selbstverständnis der Gehörlosengemeinschaft gefunden.
Für die gebärdensprachliche Verständigung sind alle körperlichen Mittel relevant, die in einer normalen Kommunikationssituation (zwei oder mehr Personen sitzen oder stehen einander gegenüber und schauen sich ins Gesicht) bequem eingesetzt und visuell wahrgenommen werden können, vor allem also Bewegungen der Arme, Hände und Finger, des Gesichts, des Kopfes und – in begrenztem Umfang – des Oberkörpers. Mit dem visuellen und räumlichen Charakter von Gebärdensprache verbinden sich besondere Möglichkeiten der abbildenden Zeichengestaltung. Die Körperlichkeit der verwendeten Mittel legt den Rückgriff auf expressive, d.h. mimische und gestische Formen nahe. Beides, Abbildcharakter und Expressivität, bedingt den gleichsam natürlichen Anschein von Gebärdensprache, der, wie erwähnt, häufig als Hinweis auf ihre vermeintliche Primitivität aufgefaßt worden ist. Einer gewissen Natürlichkeit der verwendeten Mittel ungeachtet, haben wir es jedoch mit einem konventionellen, eigenständig strukturierten sprachlichen System zu tun. Die moderne linguistisch orientierte Gebärdensprachforschung konnte zeigen, daß sich die an gesprochenen Sprachen gewonnenen Begriffe und Methoden sehr weitgehend auch auf Gebärdensprachen anwenden lassen. Dies betrifft die Strukturiertheit einzelner gebärdensprachlicher Zeichen ebenso wie die Systematik von Wort- bzw. Gebärdenbildungsprozessen oder die Konstitution von Satz- und Textzusammenhängen.
Im Mittelpunkt der gebärdensprachlichen Verständigung stehen die Gebärden, konventionelle Handzeichen also, die im spontanen Umgang Gehörloser untereinander entstanden sind und tradiert werden. Gebärden haben häufig, wenn auch nicht notwendigerweise einen bildhaften Ursprung, der auf die Form des bezeichneten Gegenstandes (z.B. die Andeutung der Dachform für HAUS 1 ), eine damit in Zusammenhang stehende Handlung (z.B. die Melkbewegung für MILCH) oder sonstwie assoziativ (z.B. die von einer Gebärde BLAU abgeleitete Bezeichnung für die Stadt Plauen) bezogen sein kann. In der konkreten zeichenhaften Verwendung tritt die ursprüngliche Motivation von Gebärden in den Hintergrund und bleibt häufig bestenfalls im Sinne von Volksetymologien rekonstruierbar. Ein für die Herstellung von Beziehungen und damit für die Grammatik von Gebärdensprache zentrales Moment ist die Möglichkeit, Gebärden im Raum auszurichten: Unterschiede zwischen "ich frage dich", "du fragst mich", "er fragt mich" usw. werden allein durch die Ausführungsrichtung der Gebärde FRAGEN signalisiert. Räumliche Ausdrucksmöglichkeiten werden insbesondere auch durch den Einsatz spezieller relativ schwach konventionalisierter Gebärden genutzt, die etwa dazu dienen können, die Lage oder Fortbewegung von Personen oder Fahrzeugen durch entsprechende Handbewegungen abzubilden. Soweit gebärdensprachliche Mitteilungen das Handeln und Verhalten von Personen betreffen, wird der Gebärdende überdies geneigt sein, Aspekte der zu bezeichnenden Verhaltensweisen im eigenen Körperverhalten aufscheinen zu lassen.
Gebärden und andere Körperbewegungen können zeitgleich mit gesprochenen Wörtern hervorgebracht werden. Dieser Umstand kompliziert das Verhältnis zwischen gesprochener und gebärdeter Sprache erheblich. Zum einen kann die Möglichkeit der simultanen Produktion der unterschiedlichen Zeichen dazu genutzt werden, Gehörlosen Hilfestellung bei der Wahrnehmung der gesprochenen Sprache zu geben. Bei dieser Verwendungsform, dem sogenannten lautsprachbegleitenden Gebärden (LBG), wird jedem Wort eines normal gesprochenen Satzes eine zeitgleich ausgeführte Gebärde zugeordnet. Die Gebärde gibt gleichsam einen Hinweis auf das vom Mund abzulesende Wort; der Zusammenhang des Gesprochenen ist jedoch über den deutschen Satz vermittelt. Mit einem Einsatz von Gebärden in schulischen Kontexten o.ä. ist im allgemeinen diese eingeschränkte Verwendungsform gemeint. Bei der gehörloseninternen, eigenständigen Verwendung von Gebärden (Deutsche Gebärdensprache, DGS) werden dagegen Satzzusammenhänge mit visuellen Mitteln neu konstituiert; einzelne Gebärden können dabei durchaus auf zeitgleich gesprochene Wörter bezogen bleiben. Um ein einfaches Beispiel zu geben: In einer LBG-Version würde der gesprochene Satz "Der Mann geht fort" durch vier den einzelnen Wörtern zugeordnete Gebärden (DER, MANN, GEHEN, FORT) begleitet; in der DGS-Version würde das tonlos gesprochene Wort 'Mann' in Verbindung mit der Gebärde MANN zur Bezeichnung des Handlungsträgers verwendet, die Handlung selbst jedoch durch eine konventionelle Gebärde wie ABHAUEN bezeichnet.
Das zuletzt erläuterte Verhältnis von Wörtern und Gebärden hat eine auch für den Fachhochschuleinsatz von Gebärdensprache wichtige Konsequenz, die an einem Beispiel erläutert sei. Wenn in einem Seminar über das Bundessozialhilfegesetz das Wort 'Subsidiaritätsprinzip' gebraucht wird, so ist die Wahrscheinlichkeit gering, daß dafür eine konventionelle Gebärde zur Verfügung steht. Es ist andererseits kein grundsätzliches Problem, den Ausdruck selbst in den gebärdensprachlichen Zusammenhang zu übernehmen. Bei einer ersten Verwendung würde er z.B. tonlos artikuliert und zeitgleich unter Rückgriff auf das Fingeralphabet buchstabiert. Die Bedeutung des Ausdrucks müßte – ganz so wie das für hörende Studenten auch der Fall ist – aus erläuternden Ausführungen hervorgehen. Da das Buchstabieren vergleichsweise mühsam ist, wird der Gebrauch des Fingeralphabets vermutlich schnell durch ein möglicherweise eigens gebildetes oder von anderen Gebärden ableitetes Handzeichen im Sinne einer Ad-hoc-Konvention abgelöst. Häufigere Verwendung festigt die Konvention. Die so entstandene Gebärde SUBSIDIARITÄT wird auch weiterhin im Zusammenhang mit dem tonlos gesprochenen Wort verwendet. Bei ihrer gebärdensprachlichen Verwendung werden Wort und Gebärde jedoch in den visuellen Zusammenhang der räumlich-gestischen Mittel eingefügt. Mit anderen Worten: Beim Übergang von der gesprochenen zur gebärdeten Sprache bleiben einzelne Ausdrücke und Begriffe erhalten, auch wenn der grammatische Zusammenhang der gesprochenen Sprache durch eigenständige gebärdensprachliche Mittel neu konstituiert wird.
Das Beispiel gibt einen Hinweis darauf, wie lexikalische Beschränkungen von Gebärdensprache, die sich aufgrund mangelnder sozialer und kultureller Entfaltungsmöglichkeiten zwangsläufig ergeben, überwunden werden können, wenn Gehörlosen der Zugang zu neuen Erfahrungsräumen eröffnet wird. Vermeintliche oder tatsächliche Ausdrucksgrenzen von Gebärdensprache erweisen sich wieder und wieder als sozial bedingt und sind keineswegs sprachimmanent. In den entsprechenden internationalen Zusammenhängen ist es inzwischen gang und gäbe, daß wissenschaftliche Vorträge über linguistische, psychologische, soziologische, pädagogische und andere Fachthemen von entsprechend qualifizierten Gehörlosen in ihrer jeweiligen Gebärdensprache gehalten und für hörende Teilnehmer in gesprochene Sprache übersetzt werden.
Entgegen einer verbreiteten Ansicht ist Gebärdensprache keine universale Sprache. Die naturwüchsige Entwicklung nationaler Gebärdensprachen hat im Gegenteil sogar eine teilweise erhebliche dialektale Binnendifferenzierung zur Folge gehabt. Es gibt also nicht nur eine Deutsche im Unterschied etwa zu einer Amerikanischen oder Schwedischen Gebärdensprache, sondern es läßt sich an der Gebärdenverwendung etwa auch erkennen, ob ein Gehörloser aus Hamburg, Leipzig oder München kommt. Obwohl das Thema einer nationalen Vereinheitlichung von Gebärdensprache zu den Dauerbrennern der Diskussion in und um die Gehörlosengemeinschaft gehört, werfen dialektale Unterschiede kaum ernsthafte Kommunikationsprobleme auf. Im Gegenteil: Die Vielfalt regionaler Gebärden ist ein durchaus geschätzter Bestandteil des kulturellen Besitzes der Gehörlosengemeinschaft. Aber auch in der internationalen Begegnung Gehörloser läßt sich mit Sprachgrenzen ganz anders umgehen als dies Hörenden möglich ist. International erfahrene Gehörlose wissen die natürliche körperliche und bildhafte Basis ihrer Sprachen häufig verblüffend virtuos zu nutzen und können sich Gehörlosen anderer Länder durchaus differenziert mitteilen. Geschichten, die die Ungeschicklichkeit hörender Reisender mit dem eigenen ungehinderten und solidarischen Umgang mit Gehörlosen im Ausland kontrastieren, gehören zum Standardrepertoire gehörloser Erzähler. Bei internationalen Kongressen bringen gehörlose Teilnehmer, die über die notwendigen Ressourcen verfügen, in der Regel Dolmetscher für ihre nationale Gebärdensprache mit. Gehörlosen, die nicht über diese Möglichkeit verfügen, steht häufig ein Dolmetschservice zur Verfügung, der Vortragsinhalte näherungsweise in eine international verständliche kommunikative Form überführt.
 
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7. Gebärdensprachdolmetschen
Gebärdensprachdolmetschen ist eine im Werden begriffene Profession innerhalb des Gehörlosenwesens. Traditionell wurde jeder soziale Hilfsdienst, bei dem es darum ging, den Kontakt mit Hörenden (bei Behörden und Ämtern, in der medizinischen Versorgung, bei Geschäftsabschlüssen usw.) zu vermitteln, als Dolmetschen bezeichnet, und zwar auch dann, wenn, wie verbreitet üblich, der 'Dolmetscher' die Angelegenheit des Gehörlosen in die eigene Hand nahm und den Gehörlosen lediglich über das Ergebnis der Verhandlungen informierte. Hörende Kinder gehörloser Eltern wachsen in der Regel früh in die Rolle eines 'natürlichen Dolmetschers' hinein. Aber auch Sozialarbeiter waren häufig dazu prädestiniert, soziale und sprachmittelnde Aufgaben zu verbinden.
Bis heute gibt es nur wenige hauptamtliche Stellen für Gebärdensprach-dolmetscher. Gebärdensprachdolmetschen wird also üblicherweise neben-beruflich ausgeübt. Gehörlose waren es stets gewohnt, sich recht und schlecht durchzuschlagen und Übersetzungsdienste nur in dringenden Notfällen und dann vorzugsweise durch hörende Familienangehörige in Anspruch zu nehmen. In der Regel geht dies mit einem weitgehenden Verzicht auf große Bereiche des allgemeinen gesellschaftlichen Lebens einher. Um ein Beispiel aus meiner persönlichen Erfahrung zu geben: Meine (gehörlose) Frau hat an keinem der zahlreichen Elternabende unseres Berliner Kinderladens teilgenommen, da es eines erheblichen finanziellen und organisatorischen Aufwandes bedurft hätte, einen Gebärdensprachdolmetscher hinzuzuziehen. Im Rahmen ihres Theologiestudiums konnte sie gelegentlich auf einen Dolmetscher zurückgreifen. Die Kosten übernahm zunächst das Sozialamt. Da wir nach unserer Heirat gemeinsam über einem gewissen kritischen Einkommensniveau lagen, zahlen wir noch heute, zwei Jahre nach Beendigung des Studiums, Dolmetschkosten in monatlichen Raten an das Sozialamt zurück.
In den letzten Jahren hat nun ein Prozeß stattgefunden, in dessen Verlauf erweiterte Einsatzmöglichkeiten für Gebärdensprachdolmetscher und Unterschiede in den Aufgabenbereichen etwa von Sozialarbeitern und Dolmetschern deutlich geworden sind. Zugleich sind Ausbildungsdesiderate vielfältiger Art bei den als Gebärdensprachdolmetschern tätigen Personen zutage getreten. Tatsächlich genügten häufig auch bescheidene Gebärdensprachkenntnisse, um den traditionellen Erwartungen an einen Dolmetscher in etwa zu genügen. Selbst bei Kindern gehörloser Eltern kann nicht ohne weiteres davon ausgegangen werden, daß ihnen Unterschiede wie die oben erläuterten zwischen LGB und DGS geläufig sind oder daß sie in der Lage wären, spontan gebärdete Texte in angemessener Weise in eine gesprochene Form zu übertragen. Im Zentrum von Bemühungen um eine Professionalisierung des Gebärdensprachdolmetschens stehen deshalb Versuche zur Einrichtung qualifizierter Ausbildungsgänge (Diplom-Studiengang an der Universität Hamburg, Vorbereitung eines Diplom-Studienganges an der Fachhochschule Köln, berufsbegleitende Ausbildung in Zwickau, geplante Gründung eines Dolmetschinstituts in Bayern). Gesetzliche Grundlagen für die Finanzierung von Dolmetschereinsätzen zu schaffen, gehört zu den wichtigsten politischen Zielsetzungen des Deutschen Gehörlosenbundes.
 
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8. Ausgewählte Literaturhinweise
 
•  Boyes Braem, Penny (1992), Einführung in die Gebärdensprache und ihre Erforschung. Hamburg: Signum. [FHP: IKX 108]
Gut lesbare Zusammenfassung von Ergebnissen der linguistisch orientierten internationalen Gebärdensprachforschung. Viele weiterführende Literaturhinweise.
 
•  Gebrüder Grimm (1993), Schneewittchen: Ein Märchen. Für gehörlose Kinder bearbeitet und mit Anregungen versehen. Hamburg: Signum (Buch und Begleitvideo). [FHP: IKX 121]
Das Video zeigt das Märchen in einer LBG- und einer DGS-Fassung. Die für gehörlose Kinder gedachte Aufbereitung macht das Video zugleich zu einer recht guten Veranschaulichung der unterschiedlichen gebärdensprachlichen Formen.
 
•  Lane, Harlan (1988), Mit der Seele hören: Die Geschichte der Taubheit. München: dtv. [FHP: im Erwerbsvorgang]
Erzählt die Geschichte der Gehörlosenpädagogik als Kampf um die Gebärdensprache. Recht spannend im Stil einer fiktiven Autobiographie geschrieben.
 
•  Lane, Harlan (1994), Die Maske der Barmherzigkeit: Die Unterdrückung von Kultur und Sprache der Gehörlosengemeinschaft. Hamburg: Signum. [FHP: IKX 110]
Versammelt verschiedene Arbeiten des engagierten amerikanischen Sprachpsychologen, deren gemeinsames Motiv der Einsatz für die Anerkennung der Gehörlosengemeinschaft als einer Sprach- und Kulturgemeinschaft ist.
 
•  Maisch, Günter, und Fritz-Helmut Wisch (1987 - 1994), Gebärden-Lexikon 1-4. Hamburg: hörgeschädigte kinder. [1. und 2. Bd, FHP: HYI 117]
Umfassendste, thematisch geordnete Sammlung von Gebärden deutscher Gehörloser. Jede Gebärde ist mit einem Foto und einer kurzen Erläuterung verzeichnet. Im Detail nicht immer verläßlich. Empirisch fundierte Untersuchungen zum Lexikon der DGS stehen bislang noch aus.
 
•  Padden, Carol, und Tom Humphries (1991), Gehörlose: Eine Kultur bringt sich zur Sprache. Hamburg: Signum. [FHP: IKW 102]
Kleines Kultbuch, das am amerikanischen Beispiel einige Aspekte dessen, was 'Gehörlosenkultur' ausmacht, beleuchtet.
 
•  Prillwitz, Siegmund, und Guido H. G. Joachim (1993), International Bibliography of Sign Language. Hamburg: Signum. [FHP: 10 HYA 106]
Bibliographie zur Gebärdensprache und Gehörlosengemeinschaft.
 
•  Sacks, Oliver (1990), Stumme Stimmen. Reinbeck: Rowohlt. [FHP: IKX 135]
Der bekannte amerikanische Neurologe ("Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte") unternimmt drei "Reisen in die Welt der Gehörlosen". Bietet unter anderem eine gute zusammenfassende Darstellung der neueren psycholinguistischen Literatur zur Gebärdensprache.
 
•  Wisch, Fritz H. (1990), Lautsprache und Gebärdensprache: Die Wende zur Zweisprachigkeit in Erziehung und Bildung Gehörloser. Hamburg: Signum. [FHP: IKX 132]
Darstellung gehörlosenpädagogischer Grundfragen aus der Sicht der Gebärdensprachbewegung.
 
•  Das Zeichen: Zeitschrift für Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser.
Das vom Zentrum für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation an der Universität Hamburg herausgegebene Hausblatt der Gebärdensprachbewegung erscheint vierteljährlich seit 1987. Ist in der FHP-Bibliothek vorrätig und kann schon beim Durchblättern einen Eindruck von der aktuellen Diskussion vermitteln.
 
 

1Gebärden werden üblicherweise durch Wörter in Großbuchstaben, sogenannte Glossen bezeichnet. Die Glosse gibt einen Hinweis auf die Bedeutung der Gebärde, ohne daß doch Wort und Gebärde bedeutungsgleich sein müssen.  zurück zum Text
 
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