MUDRA grafik spacer Multimediapaket zur Österreichischen Gebaerdensprache spacer
Zusammenarbeit mit den Österreichischen Landesverbaenden
spacer
Produkte
ueber MUDRA
Bestellung
Online-Hilfe
Gebaerdensprache
spacer
Einfuehrung
Lesetexte
spacer
Stalzer
Holzinger
Braem
Hessmann
spacer
Ausfluege
spacer
Links
Downloads
Gebärdensprache ist nicht wie die Pantomime an konkrete oder bildhafte darstellbare Inhalte gebunden
 
Einführung in die Gebärdensprache und ihre Erforschung
 
Auszüge aus dem Buch von
Penny Boyes Braem
 
Institut für Germanistik Universität Bern. Sie hat mehrere Sachbücher über Gebärdensprache und Gebärdensprachforschung veröffentlicht.
 
    1. Das Bild der Gebärdensprache nach 30 Jahren Forschung
    2. Bausteine und Grammatik einer visuell-gestischen Sprache
    3. Erwerb der Gebärdensprache
    4. Einige theoretische Folgerungen aus der Forschung über Gebärdensprachen
    5. Literaturverzeichnis
    6. Begriffserklärung
 
 
1. Das Bild der Gebärdensprache nach 30 Jahren Forschung
Auf Grund der Arbeiten von vielen Zentren haben wir heute ein wesentlich anderes Bild von der Gebärdensprache als vor dreißig Jahren. Es folgt eine Zusammenfassung der wichtigsten Kenntnisse über die Gebärdensprache der Gehörlosen:

Gebärdensprache ist eine natürliche Sprache. Sie wurde nicht erfunden (wie beispielsweise Esperanto). Viele gehörlose Kinder lernen Gebärdensprache von anderen Kindern in der Schule, manche Kinder lernen sie jedoch von ihren gehörlosen Eltern als Muttersprache. Da die Gebärdensprache ohne Unterricht auch von kleinen oder größeren Kindern gelernt wird, lassen sich in deren Erwerbsprozeß viele Gemeinsamkeiten mit dem entsprechenden Vorgang in der gesprochenen Sprache erkennen.
 
•  Da sie eine natürliche Sprache darstellt, ist Gebärdensprache mit der Kultur der Gehörlosen, der sie entspringt, aufs engste verbunden. Folglich sind für ihr Verständnis Kenntnisse über die Kultur notwendig, deren Ausdruck sie darstellt.
 
•  Gebärdensprache ist nicht wie die Pantomime an konkrete oder bildhaft darstellbare Inhalte gebunden. Wer Gebärdensprache gut beherrscht, kann darin ebenso gut komplexe und abstrakte Ideen ausdrücken wie dies in der gesprochenen Sprache möglich ist.
 
•  Gebärdensprachen sind nicht unvollständige oder "gebrochene" Formen der gesprochenen Sprache, sondern haben eine ihnen eigene linguistische Struktur, die von der Struktur der gesprochenen Sprachen ihrer Umgebung unabhängig ist.
 
•  Gebärdensprache ist der gesprochenen Sprache darin ähnlich, daß sie die wichtigsten grammatikalischen Universalien enthält, so beispielsweise Indikatoren darüber wer Subjekt oder Handelnder eines Satzes ist, wer oder was das Ziel einer Handlung ist, ob es sich um einen einzelnen oder um mehrere Gegenstände handelt usw.
 
•  Gebärdensprache ist wie die gesprochene Sprache auf verschiedenen Ebenen linguistisch strukturiert:
–  auf der Ebene des kleinsten bedeutungs-unterscheidenden Formteils (dies entspricht der phonologischen Ebene bei gesprochenen Sprachen und wird sublexikalische Ebene genannt).
–  auf der Ebene des kleinsten Bedeutungsträgers (Dies entspricht der morphologischen Ebene bei gesprochenen Sprachen).
–  auf der Ebene des Zusammenhangs zwischen den Wörtern in gebundenen Äußerungen; d.h. der Syntax.
–  auf der Ebene des Gespräches und des Diskurs.
 
•  Die Artikulationsformen der Gebärdensprache sind der Modalität von Produktion und Wahrnehmung der Sprache angepaßt und daher in der Regel verschieden von denjenigen der gesprochenen Sprache. Diese Unterschiede sind durch die verschiedenen Bedingungen für die Erzeugung und die Wahrnehmung der beiden Arten von Sprachen bestimmt: Die gesprochene Sprache wird von Stimmbändern, Zunge, Lippen usw. produziert und auditiv wahrgenommen, während die Gebärdensprache von den Händen und dem Körper produziert und visuell wahrgenommen wird.
 
TOP
 
 
2. Bausteine und Grammatik einer visuell-gestischen Sprache
Die Ergebnisse der linguistischen Analyse auf der lexikalischen Ebene der Gebärdensprache lassen sich wie folgt zusammenfassen:
 
•  Gebärden sind nicht globale oder vage Einheiten, sondern sie besitzen komplexe, analysierbare Substrukturen.
 
•  Die Substruktur der manuellen Komponenten besteht aus vier Parametern, nämlich: der Handform, der Handstellung, der Ausführungsstelle und der Bewegung der Gebärde.
 
•  Jeder dieser Parameter besteht aus einer beschränkten Anzahl von Subkomponenten.
 
•  Die Zusammensetzung dieser Subkomponenten variiert von Sprache zu Sprache.
 
•  Es gibt Regeln für die Verbindung dieser Subkomponenten untereinander.
 
•  Weil jeder Parameter über eine beschränkte Anzahl von Subkomponenten fügt, kann man für Gebärden Notationen entwickeln.
 
Studien, die das Produktionstempo der gesprochenen Sprache mit demjenigen der Gebärdensprache verglichen, haben gezeigt, daß ganze Sätze in der Gebärdensprache ebenso schnell wie in der gesprochenen Sprache produziert werden; dies obwohl das Formen einzelner Wörter etwa doppelt soviel Zeit benötigt wie das Formulieren von einzelnen Wörtern. Dieser scheinbare Widerspruch kann teilweise durch die Tatsache erklärt werden, daß einzelne Gebärden simultan mehrere Flexionen benutzen können, deren Bedeutungen in der gesprochenen Sprache mehrere Wörter benötigen würden. Gebärdensprache ähnelt gesprochenen Sprachen wie Navajo oder Latein in dem sie über ein komplexes Flexionssystem verfügt. Sie unterscheidet sich jedoch von gesprochenen Sprachen, indem dieses Flexionssystem der visuell-gestischen Modalität der Gebärdensprache angepaßt ist.
 
Die mit einer Gebärde verbundene Bewegung läßt sich auf vielfältige Weise modifizieren, um andere spezifische Bedeutungen auszudrücken, z.B. Richtung, Art, Tempo eines Verbs sowie die Mehrzahl von Objekten. Die Anordnung der beiden Hände kann die räumliche Anordnung von Objekten darstellen. Weitere Bewegungsänderungen können Distributivaspekte (etwas einzelnen geben) und Zeitaspekte ununterbrochen schauen) kennzeichnen. Die Tatsache, daß die gesprochenen Sprachen, die die lautsprachliche Umgebung bilden, keine Flexion für Distributiv- und Zeitaspekte aufweisen und auch kein ausführliches klassifizierendes Verb-Flexionssystem haben, zeigt in welchem Maß die Grammatik der Gebärdensprache von derjenigen der sie umgebenden gesprochenen Sprache unabhängig ist.
 
Die Gebärdensprache bedient sich nicht-manueller Zeichen für spezifische linguistische Zwecke . Besondere Ausdrucksformen von Mund, Wange, Augen und Augenbrauen in Kombination mit spezifischem Kopfnicken erhalten die Funktion von Adverbien und Adjektiven. Weitere Kombinationen von Gesichtsausdruck und Kopfnicken zeigen an, ob es sich bei gebärdeten Sätzen um eine Frage, einen Konditionalsatz, eine Verneinung oder ähnliches handelt. Die direkte und die indirekte Rede können durch den Gesichtsausdruck, zusammen mit einer sorgfältig koordinierten Körperausrichtung und der Richtung des Blickes, charakterisiert werden. In vielen europäischen Gebärdensprachen, im Gegensatz zur amerikanischen, bilden Lehnwörter aus der entsprechenden gesprochenen Sprache (Mundbilder) einen linguistisch relevanten Teil der Gebärdensprache.
 
Auch der hörende Sprecher setzt sein Gesicht und seinen Körper ein, um nicht-sprachliche Nachrichten emotioneller Art in individueller oder konventionalisierter Gestik zu übermitteln. Oft realisieren hörende Personen jedoch nicht, daß Gesicht und Körper eines Gebärdenden nicht nur Gefühle ausdrücken, sondern auch linguistische Funktionen ausüben. Hörende, die nicht mit der Gebärdensprache vertraut sind, können eine angeregte Gebärdenkonversation beobachten und zum Trugschluß kommen, daß Gehörlose 'emotionaler' als Hörende agieren. Dabei setzt der gehörlose Gebärdende unter Umständen nur die nicht-manuellen Zeichen ein, die für die Grammatik seiner Sprache obligatorisch sind. Hörende Personen, die sich über die wichtige linguistische Funktion von Gesicht und Körper bei der Gebärdensprache nicht im klaren sind, neigen dazu, diese Informationen zu vernachlässigen. Häufig beklagen sich Gehörlose über Hörende, daß deren Gebärden steif und ausdruckslos seien. Diese Klage bedeutet in der Regel mehr als eine einfache Kritik am persönlichen Gebärdenstil des Hörenden, denn allzu oft leidet tatsächlich die Übermittlung der sprachlichen Nachricht daran, daß sie nicht von den notwendigen nicht-manuellen Zeichen unterstützt wird. Personen, die nur die manuellen Gebärden der Gebärdensprache lernen, erfassen nur die Hälfte der linguistischen Struktur dieser Sprache.
 
TOP
 
 
3. Erwerb der Gebärdensprache
Einige Daten über den Erwerb der Gebärdensprache als Muttersprache durch Babys und Kleinkinder in einer natürlichen Situation.
 
•  Es scheint keinen großen Altersunterschied bezüglich der frühen Stufen des Erwerbs der Gebärdensprache und des Erwerbs der gesprochenen Sprache zu geben, wenn man dieselben Definitionen und Kriterien beiden Spracharten zugrunde legt.
 
•  Die Ikonizität der verschiedenen Arten von Gebärdensprachformen macht offenbar den Erwerb dieser Formen nicht leichter und läßt ihn auch nicht früher eintreten; die Daten lassen vielmehr erkennen, daß das Gebärdensprache lernende Kleinkind sehr ähnliche Strategien und Prinzipien anwendet wie das Kind, das die gesprochene Sprache lernt.
 
•  Die Fähigkeit, in der Kindheit (aber später nur eingeschränkt) durch eine komponenten-analytische Strategie eine Sprache zu erwerben, scheint Kindern, die einer unvollständig beherrschten Sprache ausgesetzt sind, dabei zu helfen, ihre Vorbilder zu übertreffen und eine vollständigere Form der Sprache auszubilden.
 
•  Gehörlose, die Gebärdensprache nach der Kindheit erwerben, lernen gewöhnlich die Sprache nur unvollständig. Offenbar wenden sie eine andere Lernstrategie an, eher ein ganzheitliches Anpassen der Formen der Gebärden an die Bedeutungen anstelle der von Kindern benutzten Komponenten Analyse.
 
TOP
 
 
4. Einige theoretische Folgerungen aus der Forschung über Gebärdensprachen
Zwei der Hauptziele der theoretischen Linguistik sind die Beschreibung von sprachlichen Universalien und die Charakterisierung bestehender menschlicher Sprachen. Die bisher entwickelten linguistischen Theorien basieren jedoch alle auf Daten über gesprochene Sprachen. Mehrere Forscher haben darauf hingewiesen, daß Gebärdensprachen daher Testfälle für diese Theorien liefern können (vgl. Deuchar, 1985; Padden,1988b; Siple, 1982; Wilbur, 1986). Damit müßte wohl die Definition von 'Sprache' revidiert werden. Stokoe (1989) schlägt auf Grund der gegenwärtigen Kenntnisse in der Linguistik von Gebärdensprachen beispielsweise vor, das Wort 'stimmhaft' (engl. vocal) aus der vom amerikanischen Linguisten George Trager stammenden Definition in der Encyclopedia Britannica zu streichen: "Eine Sprache ist ein System willkürlicher [stimmhafter] Symbole, vermittels derer die Mitglieder einer Kultur alle Aktivitäten dieser Kultur ausführen" (Stokoe, 1989, S. 173).
 
Andere Vorschläge über die Änderung von Definitionen spezifischer linguistischer Begriffe sind gemacht worden, um sie von ihrer Bindung an nur eine Modalität zu befreien und sie sowohl auf visuell/körperliche wie auch akustisch/orale Sprachen anwendbar werden zu lassen. Das Gebiet der Linguistik beispielsweise, das Strukturen und Verfahren auf der sublexikalischen Ebene untersucht, verrät schon durch seinen Namen Phonologie seine Bindung an die Lautsprache. Siple (1982) schlägt vor, daß dieses Gebiet der Linguistik, das traditionell als 'das Studium der in der menschlichen Sprache vorkommenden Lautmuster` bezeichnet wird, fortan so definiert werde: 'das Studium der in der menschlichen Sprache vorkommenden sublexikalischen Muster', um so auch den Erkenntnissen über nicht-akustische menschliche Sprachen Rechnung tragen.
 
Die jüngere Forschung über Gebärdensprachen könnte auch eine Revision der Theorien über die grundsätzlichen Voraussetzungen für Sprache herbeiführen. Besonders seit der Arbeit des Schweizer Linguisten Ferdinand de Saussure am Anfang dieses Jahrhunderts haben Linguisten angenommen, daß ein unentbehrliches charakteristisches Merkmal des linguistischen Symbols seine Willkürlichkeit sei, d.h. daß keine äußere Bindung zwischen der Form des Symbols (Wort oder Gebärde) und seinem Referenten bestehe. So kann die Bedeutung 'Baum' in verschieden Sprachen durch viele Symbole mit sehr unterschiedlichen Formen dargestellt werden: Baum, tree, arbre etc. Eine Frage, die Forscher auf dem Gebiet der Gebärdensprache beschäftigt hat, lautet: Hat die Ikonizität vieler Aspekte der Gebärdensprache eine Funktion für deren Struktur und bei deren Verarbeitung und Erwerb? Die bis heute erzielten Forschungsergebnisse weisen darauf hin, daß die Ikonizität von Gebärden keine bedeutende Rolle in der sublexikalischen Struktur und in der Verarbeitung der Sprache spielt. Im Gegensatz zu Bildern und anderen visuellen Informationen, die auf analoge Weise verarbeitet werden, scheinen die Gebärdensprachen in ihrer Struktur und ihrer Verarbeitung den Lautsprachen insofern ähnlich zu sein, als auch sie aus einzelnen Elementen, die regelhaft miteinander kombiniert werden, bestehen.
 
Wie bringt man nun das Prinzip der Willkürlichkeit des Symbols mit dieser Sprache in Einklang, bei der die Formen der Oberfläche häufig ikonisch sind, die sublexikalische Struktur jedoch aus einzelnen, meist nicht ikonischen Elementen besteht? Aufgrund der Forschungsarbeit auf dem Gebiet der Gebärdensprache wird die Meinung vertreten, daß dieses grundlegende Prinzip der Willkürlichkeit des Symbols neu überdacht werden muß. Diese Überlegungen könnten ihrerseits dazu führen, daß Linguisten die Zusammenhänge zwischen Symbol und Referent auch in den Lautsprachen neu untersuchen, um festzustellen welche Bedeutung dort die Willkürlichkeit tatsächlich spielt. Auf diese Weise, gestützt also auf experimentelle Ergebnisse aus den Gebärden- und den Lautsprachen, kann eine Neuformulierung der Feststellung von Saussure entstehen.
 
Forschung auf dem Gebiet der Gebärdensprache könnte aber auch die nochmalige Untersuchung eines weiteren Aspekts traditioneller linguistischer Theorie erfordern, nämlich der Frage der primär linearen Anordnung der Komponenten der Sprachen. Viele sublexikalische Komponenten der Gebärdensprache sind nicht sukzessive, sondern simultan geordnet. Jüngste Forschung hat jedoch gezeigt (Liddell und Johnson, 1989), daß eine genaue Beschreibung der Bewegungskomponente auch in Gebärdensprachen diese Komponente in sukzessive Komponenten, nämlich einen Bewegungs- und einen Halteabschnitt, unterteilen muß. Es geschieht, daß auch nicht alle Komponenten der Gebärde gleichzeitig wahrgenommen werden. Forschungen über die Wahrnehmung von Gebärden (Grosjean, 1980) haben gezeigt, daß zuerst die Ausführungsstelle und Handstellung, dann die Handform und schließlich die Bewegung identifiziert werden, wobei letztlich die Bedeutung der Gebärde erst bei der Feststellung der Bewegung erkannt wird. So haben Gebärden gleichzeitige und nacheinander folgende Elemente, sowohl in ihrer Struktur wie auch in ihrer Verarbeitung. Es gibt auch in gesprochenen Sprachen gleichzeitige Elemente: Vokale und Konsonanten werden nicht immer genau hintereinander produziert, sondern eher gemeinsam artikuliert; in Sprachen wie dem Chinesischen wird der linguistisch wichtige Ton gleichzeitig mit dem Wort produziert. Da also Gebärden- wie Lautsprachen sowohl simultane wie auch sukzessive Ordnungen ihrer Elemente aufweisen, bestehen zwischen diesen Ordnungen eher graduelle als substantielle Unterschiede. Entsprechend wird eine linguistische Theorie gefordert, die - so Wilbur- "Vorgänge wird erklären müssen, die nicht ausschließlich von der Wortstellung oder unbedingt von der sequentiellen Darstellung von Information abhängen (die ja schließlich nur die Kodierung der Oberfläche betrifft und daher sprachspezifisch ist)" (Wilbur,1986, S.18). Wilbur führt weiter aus, daß diese Theorie größere strukturelle Einheiten als den Satz, vor allem ganze Diskurse, Gespräche und Absätze erfassen sollte. Eine solche Theorie müßte die Struktur der Gebärdensprachen, ebenso wie diejenige von Lautsprachen erklären können.
 
Andere Wissenschaften können aus der Forschung über die Gebärdensprache und die Gemeinschaft der Gehörlosen für ihre eigenen Belange Nutzen ziehen. Linguisten zum Beispiel, deren Interesse den als 'Pidgin' und 'Kreole' bekannten Sprachformen gilt, können von der Forschung über den Erwerb der Gebärdensprache durch gehörlose Kinder hörender Eltern Gebrauch machen. Fischer (1978) sowie Ladd & Edwards (1982) haben auf Ähnlichkeiten zwischen gewissen Strukturen in der Gehärdensprache und in verschiedenen kreolischen Sprachen hingewiesen. Soziolinguisten und Anthropologen, die über sprachliche Minderheiten forschen, könnten bei ihrer Arbeit mit Gewinn Daten über die Gemeinschaft und Kultur der Gehörlosen zum Vergleich heranziehen. Die neurolinguistische Forschung und Theorie wird die Ergebnisse der Untersuchungen von Bellugi und ihren Mitarbeitern über aphasische Gehörlose berücksichtigen müssen (vgl. Poizner, Bellugi & Klima, 1988).
 
Psycholinguisten und kognitive Psychologen sollten die Möglichkeit zur Kenntnis nehmen der Gebärdensprache als "Testfall" auf ihren Gebieten einzusetzen, besonders im Hinblick auf die Entdeckung, daß die Modalitätsunterschiede der äußeren Formen zwischen Gebärden- und Lautsprachen auf der Ebene der linguistischen Struktur, aber auch bei der Verarbeitung und beim Erwerb der Sprache aufgehoben werden. Eine umfassende Theorie muß die Tatsache berücksichtigen, daß die Struktur- ebenso wie die Verarbeitung von Sprache hauptsächlich durch abstrakt kognitive, die Kommunikation betreffende Prinzipien und nicht durch modalitätsspezifische Gesetze bedingt zu sein scheinen.
 
Erzieher und Lehrer von gehörlosen Kindern müssen diese Forschungsergebnisse schließlich beim Entwurf von Lehrplänen berücksichtigen. Die traditionellen Rechtfertigungen für die Vernachlässigung der Gebärdensprache in der Erziehung gehörloser Kinder sind einmal die Behauptung, daß die Gebärdensprache keine Sprache sei und zum anderen der Hinweis, daß Gehörlose auch nach Abschluß der Schule die Gebärdensprache ausreichend lernen könnten. Auf Grund jüngerer Forschung über Gebärdensprache haben sich beide Argumente als wissenschaftlich unhaltbar erwiesen. Eine Mißachtung der Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Gebärdensprache kann heute nur infolge mangelhafter Information oder aus professionellen Vorurteilen heraus geschehen.
 
TOP
 
 
5. Literaturverzeichnis
•  Deuchar, M.L. (1985) Implications of sign language research for linguistic theory. In W. Stokoe & V Volterra (Hrsg). SLR ´83 Sign Language Research. Silver Spring,Md.: Lintso Press
 
•  Fischer, S. (1978) Sign language and creoles. In P. Siple (Hrsg). Understanding language through sign language research
 
•  Grosjean, F. (1980) Psycholinguistics os sign language. In H. Lane &F. Grosjean (Hrsg). Recent Perspectives on American Sign Language. Hillsdale, N.J.: Lawrence Erlbaum Associates.
 
•  Ladd, P.& Edwards, V. (1982) British Sign Language nad West Indian Creole. Sign Language Studies,35, 101-126.
 
•  Padden, C. (1988b) Grammatical theory and signed languages. In F. Newmeyer (Hrsg.). Linguitsics: The Cambridge Survey. Cambridge: Cambridge University Press.
 
•  Poizner, H. Bellugi,U.&Klima,E. (1988) What the Hands Reveal about the Brain. Cambridge, MA: Mit Press/Bradford Books.
Deutsche Übersetzung: Was die Hände über das Gehirn verraten.
Neuropsychologische Aspekte der Gebärdenforschung. (Internationale Arbeiten zur Gebärdenpsrache und Kommunikation Gehörloser, Bd. 12) Hamburg: Signum-Verlag 1990.
 
•  Siple, P. (1982) Signed language and linguistic thoery. In L. Obler&L. Menn (Hrsg.) Exceptional Language and Linguitsics. New York: Academic Press.
 
•  Stokoe, W. 1989 Language: From hard-wiring or culture?. Sign Language Studies,63.
 
•  Wilbur, R. 1986 The interaction of linguistic theory and research on sign language. In P. Bjarkman & V. Raskin (Hrsg). The Real World Linguist: Linguistic Applications in the 1980s. Norwood,N.J.: Able.
 
TOP
 
 
6. Begriffserläuterungen
 
Diskurs: die von einem Sprachteilhaber auf der Basis einer sprachlichen Kompetenz tatsächlich realisierten sprachlichen Äußerungen.
 
flektierende Sprache: Sprache, die die Beziehungen der Wörter meist durch Flexion (Deklination, Konjugation) ausdrückt.
 
Ikonisch: bildhaft, anschaulich.
 
Konditionalsatz: Kausalsatz, der eine Bedingung angibt.
 
Linguistik: wissenschaftliche Untersuchung und Beschreibung von Sprachen.
 
Linguistische Universalien: Eigenschaften die alle natürlichen Sprachen aufweisen.
 
Manuell: mit der Hand (ausgeführt).
 
Modalität: Art und Weise der Ausführung und Wahrnehmung einer Sprache (z.B. die oral-akustische Modalität der gesprochenen Sprache, die manuell-körperlich-visuelle Modalität der Gebärdensprache
 
Modifizieren: abändern, abwandeln
 
Morphologie: Formenlehre; Wissenschaft von den Formveränderungen, denen die Wörter durch Konjugation und Deklination unterliegen.
 
Phonologie: Teilgebiet der Sprachwissenschaft, in dem das System und die bedeutungsmäßige Funktion der einzelnen Laute und Lautgruppen untersucht werden. In der Gebärdensprache: System und Funktion der sublexikalischen Komponenten.
 
Pidgin: ursprünglich die Bezeichnung einer Handelssprache zwischen Personen unterschiedlicher Muttersprache (z.B. Russenorsk). Internationale Gebärdenkommunikation, eine Form, die Gehörlose aus verschiedenen Ländern in den letzten Jahren auf internationalen Tagungen benutzt haben ist als Pidgin Gebärdensprache bezeichnet worden.
 
Sublexikal/sublexikalisch: Ebene der linguistischen Struktur, auf der die selbst noch nicht bedeutungsvollen Komponenten des Wortes (oder der Gebärde) analysiert werden.
 
Syntax: Satzbau bzw. Art und Weise, sprachliche Elemente zu Sätzen zu ordnen.
 
Aus "Einführung in die Gebärdensprache und ihre Erforschung" von Penny Boyes Braem 2. Korrigierte Auflage; Signum Verlag. Internationale Arbeiten zur Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser, Band 11.

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

TOP